Katzenschutzbund Rostock e.V. | Pflegestellengeschichten Nr. 5
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Pflegestellengeschichten Nr. 5

Schmusekater Tommy

Pflegestellengeschichten Nr. 5

Wie man scheitert und trotzdem gewinnt

Ja, ich gestehe: ich gehöre auch zu den gescheiterten Pflegestellen des Katzenschutzbundes Rostock e.V. und ich bereue es keine Sekunde. Heute möchte ich mir die Zeit nehmen und von Tommy erzählen, über den ich schon einige Texte geschrieben habe.

 

Über seine Geschichte und seine traurige Diagnose, aber keine über seine Entwicklung in den letzten 1,5 Jahren, unsere gemeinsamen Höhen und Tiefen und über sein viertes Leben. Aber darauf komme ich noch einmal später zurück.

Für alle die, die Tommys Geschichte noch nicht kennen: Der schwarze Kater mit dem weißen Latz wurde in einer der Hotelanalgen in Warnemünde gefunden, wo er Menschen um Nahrung anbettelte. Sein Fell war struppig, sein linkes Auge verklebt und er besaß kaum Schnurrhaare. Überdies taumelte er mehr oder weniger durch die Gegend und wirkte orientierungslos. Dank eines Tierschutzvereins in der direkten Umgebung konnte er eingefangen und erstversorgt werden. Die behandelnde Tierärztin schätzte ihn auf ca. 1 Jahr und vermutete, dass sein linker Augapfel zu klein gewachsen war, weshalb das Auge so verklebt und eitrig gewesen wäre. Wie es der Zufall will, zeigte uns die Leiterin des Vereins den Kater, als wir zu einem Plausch vorbeikamen. Ich werde nicht vergessen, wie elendig Tommy aussah und wie sehr mich diese Fellnase berührte. Ich fuhr nach Hause, aber konnte Tommy einfach nicht vergessen und wir beratschlagten uns im Verein, ob wir den Kater in einer unserer Pflegestellen aufnehmen würden wollen.

Beim Tag der Abholung stellte ich eine Transportbox in dem Katzenzimmer auf und öffnete sie, während ich mich mit der Mitarbeiterin des anderen Vereins unterhielt. In dieser Zeit ging Tommy einfach in die Box hinein, legte sich hin und fing an sich zu putzen. Alles ganz selbstverständlich, so, als hätte er gewusst, dass er in sein neues Zuhause fahren würde. Spätestens ab da an war es komplett um mich geschehen.

Zu Hause angekommen war eine langsame Zusammenführung mit meinen zwei anderen Katern nicht möglich, da Tommy aus seiner Box schwankte und die anderen Fellnasen direkt mit einem Nasenkuss begrüßte. Ich dachte nur im Stillen: „Na gut, ok.. Dann ist die Zusammenführung eben fertig.“ Aber so leicht war es dann natürlich doch nicht. Tommy hat aufgrund seiner körperlichen Einschränkungen auch geistige Stereotypen entwickelt, die ihm wahrscheinlich auf der Straße beim Überleben geholfen hatten. So beißt er seine Artgenossen ganz unvorhergesehen, plötzlich und scheinbar grundlos in den Hals. Gott sei Dank, hat Tommy seit der ersten Minute an eine Art Welpenschutz bei meinen zwei Katern, sodass sie das Prozedere einfach über sich ergehen lassen, sich nicht großartig dagegen wehren und es ihm auch nicht übel nehmen.

Auch nach intensiver Pflege wurde Tommys Äußeres nicht schöner und seine Beißereien nahmen weiter zu, sodass ich ihn nochmal beim Tierarzt vorstellte. Dieser diagnostizierte, dass Tommys Zähne in einem miserablen Zustand waren und gezogen werden müssten. Zudem korrigierte der Arzt Tommys Alter nach oben und schätzte ihn zwischen 8-16 Jahren – innerhalb weniger Minuten von 1 Jahr auf 16 Jahre. Ich war mehr als baff.

Tommy

Tommy

Bevor es zur Zahnop ging, ließ ich noch ein Röntgenbild anfertigen und dann zeigte sich die absolute Schockdiagnose: In Tommys Auge steckten zwei Diabolos, die von einem Luftgewehr stammen. Ich kann noch heute die Gefühle von damals nachempfinden: es überkam mich ein Ohnmachtsgefühl, das vor allem von Trauer und tiefer Wut geprägt war. Wie kann man sowas einem Tier nur antun? Die Tierärztin erklärte mir, dass das Luftgewehr direkt an Tommys Auge angelegt worden sein musste und dass es sich um keinen Unfall handeln konnte, da es zwei Projektile waren. Mit anderen Worten: Jemand nahm Tommy auf den Arm, setzte das Gewehr an sein Auge und drückte zwei mal ab. Tommy musste Höllenquallen erlitten haben. Mir stiegen sofort vor Wut und Trauer Tränen in die Augen. Ich weiß noch, wie ich damals einen Post zu Tommys Geschichte schreiben wollte und meine Teamkollegen ihn immer wieder korrigieren mussten, weil ich keinen neutralen Text verfassen konnte.

Tommys folgende Zahnop verlief gut und ihm wurden bis auf die vier Eckzähne alle weiteren Zähne gezogen, weshalb sein Gebeiße die anderen Katern auch nicht zu sehr schmerzt. Ich überlege heute noch, wie Tommy das überleben konnte. Schwerverletzt auf der Straße, wo nur der Stärkste überleben kann. Jetzt wird auch ersichtlich, weshalb er so schwankt, manchmal einen Türrahmen rammt und teilweise nicht weiß, wo er ist. Die Projektile üben natürlich einen gewissen Druck auf sein Gehirn aus. Leider teilten mir die Tierärzte mit, dass seine Verletzungen inoperabel sind und die Diabolos nicht entfernt werden können. Zu groß ist die Gefahr, dass er auf dem OP Tisch verbluten würde. Wir haben uns deswegen gemeinsam entschieden ihn nur im Notfall diese gefährliche OP zu unterziehen, da er augenscheinlich auch keine Schmerzen hat und sich an seine Beeinträchtigung gewöhnt hat.

Nach der Zahnop begann Tommys viertes Leben. Er entwickelte sich im kommenden Jahr zu einem schönen großen Kater, der nicht nur friedlich sondern absolut liebenswert sein Katzendasein genießt. Ich kann kaum in Worte fassen, wie mich dieser Kater jeden Tag aufs Neue verblüfft. Jede Katze ist darauf Bedacht mit einem gewissen Argwöhn seinen Alltag zu bestreiten, nur Tommy nicht. Mal liegt er mitten im Weg und putzt sich seinen Bauch, mal hängen ein Fuß und ein Bein aus seiner Höhle und mal rennt er dem Postboten im Hausflur entgegen und begrüßt ihn. Ich kenne absolut kein Tier, was so freundlich und aufgeschlossen dem Menschen gegenüber ist. So testet er alle Schöße von den Gästen seiner Menscheneltern auf Bequemlichkeit und kuschelt mit jedem neuen Pflegetier. Schon in der nächsten Sekunde flippt Tommy aus, seine Pupille weitet sich und er rast durch die Wohnung und spielt, weshalb auch er den Spitznamen „Rennfahrer Tommy“ erhalten hat. Nachts liegt er dann immer wie ein Stein zwischen den Beinen seiner Menschen. Ganz oft schimpfe ich deswegen, weil ich dadurch nicht so gut schlafen kann, aber wenn Tommy eine Nacht fehlt, komme ich auch nicht zur Ruhe.

Tommy und sein Mitbewohner Boxi

Tommy und sein Mitbewohner Boxi

Ich liebe Tommy vom ganzen Herzen, umso schwieriger war es damals, als wir uns im Verein entschieden Tommy zu vermitteln. Ich wollte immer nur zwei Tiere besitzen und zwischendurch Pflegetiere aufnehmen. Es war eine reine Vernunftsentscheidung. Und obwohl der Katzenschutzbund Rostock e.V. eine fast 100 % Vermittlungsquote aufweisen kann, wollte niemand Tommy ein Zuhause schenken. Er hatte tatsächlich keine einzige Anfrage, das hatten wir bis dato noch nie erlebt gehabt. Vielleicht lag es auch an meinen Ansprüchen, weil Tommy aufgrund seiner besonderen Bedürfnisse nicht zu jedem Menschen passt. Aber vielleicht war es auch Schicksal. Nichtsdestotrotz nahm ich mein Schicksal an und bot Tommy ein Zuhause auf Lebenszeit an. Das ist im Sinne seiner Gesundheit auch ganz gut so, da er regelmäßig dem Tierarzt vorgestellt werden muss und sein krankes Auge täglich eine besondere Pflege benötigt. Auch ist Tommy sehr stressanfällig und gerät schnell in Panik. Ich habe meinen Alltag darauf abgestimmt und weiß, wie mit ihm umgehen muss, aber leicht ist es nicht immer.

Am Ende sei gesagt: Tommy macht mich einfach wahnsinnig. Wenn sein Fuß aus seiner Kuschelhöhle hängt, er nachts in meinen Fuß beißt, weil ich mich bewegt habe oder wenn er mitten in meiner kleinen Küche seinen Bauch putzen muss, sodass ich mich keinen Meter bewegen kann, wird mir eins bewusst: Dieser Kater bereichert mein Leben enorm und ich will ihn keine Minute mehr missen. Außerdem bin ich mehr als froh, dass Katzen bekanntlich sieben Leben haben und Tommy so nochmal eine Chance auf ein schönes Leben erhalten hat.